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›Volksgemeinschaft‹ unter Vorbehalt.

Gesinnungskontrolle und politische Mobilisierung in der Herrschaftspraxis der NSDAP-Kreisleitung Göttingen.

Betreut durch Prof. Dr. Bernd Weisbrod und Prof. Dr. Habbo Knoch | Verteidigt an der Georg-August-Universität im September 2013.

Veröffentlichung im Dezember 2014 im Wallstein-Verlag.

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Thesis

Thieler_Volksgemeinschaft_Cover_netzDie Analyse der Mobilisierungsanstrengungen des NS-Regimes ist ohne eine eingehendere Betrachtung der parteiamtlichen Handlungsbedingungen defizitär, da erst durch diese die Dynamiken des Ordnungssetzens und der individuellen Normaneignung gänzlich erfasst werden können. Die Studie verfolgt daher das Ziel, durch die Gesamtschau der Positionierungsprozesse die lokalen Bedingungen parteiamtlicher Herrschaftsausübung genauer als bisher zu analysieren. Als Ausgangsthese soll hierbei dienen, dass der lokale Parteiapparat seine Wirksamkeit weniger aus einer reibungslosen Mobilisierungsarbeit zog sondern aus der stetig mitlaufenden Willkür- und Unsicherheitsatmosphäre. Dem kontinuierlichen Zweifel der Partei an der politischen Loyalität der ›Volksgenossen‹ stand die Unkenntnis der Bevölkerung gegenüber, ob man die geforderten Verhaltensnormen erfüllt hatte oder Sanktionen befürchten musste. Die Antwort auf diese doppelte Ungewissheit lautete aus der Perspektive der Partei Sozialkontrolle, während die Bevölkerung in den meisten Fällen mit Selbstmobilisierung reagierte, gleichgültig, ob aus ideologischer Überzeugung oder aus Opportunismus. Beide Reaktionen bedingten einander und trugen grundlegend zum Aufbau des parteiamtlichen Beurteilungswesens bei.

Das Konzept der ›Volksgemeinschaft‹ hatte in diesen Positionierungsprozessen eine ambivalente Rolle. Das NS-Regime verwendete den Topos der ›Volksgemeinschaft‹ oftmals für die Formulierung seiner In- und Exklusionsregeln. ›Volksgemeinschaft‹ diente auch den Bürgern des ›Drittes Reichs‹ als vielseitig einsetzbares Argument, das sowohl in ihren Rollen als ›Volksgenossen‹ oder als auch als Parteimitglieder oder Funktionäre unterschiedlich gespielt wurde. Den Parteifunktionären fiel es dementsprechend schwer, die variablen Beweggründe hinter den einzelnen Konformitätsakten – seien es Spenden oder Mitgliedschaften – herauszulesen.

In der Untersuchung des lokalen NSDAP-Beurteilungssystems geraten beide Perspektiven – die der lokalen Parteifunktionäre und jene der Beurteilten – wie auch die Dynamiken in den Blick, die sich aus den Verhaltensanforderungen des NS-Regimes und den individuellen Verhaltensweisen in der Bevölkerung ergaben. Letztere schwankten zwischen echtem Engagement, Opportunismus, Indifferenz sowie versteckter und offener Ablehnung, so dass konformes Verhalten nicht gleichbedeutend mit ideologischer Überzeugung sein musste. Es waren daher vor allem die Funktionäre der NSDAP-Kreisleitungen, Ortsgruppen und Blöcke, die sich mit den Dilemmata politischer Mobilisierungsarbeit konfrontiert sahen und, so die These, auf diese mit einer Mixtur von Überforderung und Willkür reagierten.

Zur Einführung

  • Gesinnungskontrolle in Göttingen. Die NSDAP-Kreisleitung und die Beurteilung der „politischen Zuverlässigkeit“, in: Nicole Kramer / Armin Nolzen (Hg.): Ungleichheiten im „Dritten Reich“: Semantiken, Praktiken, Erfahrungen (Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Bd. 28), Göttingen 2012, S. 117-138.
  • Volksgenossen unter Vorbehalt. Die Herrschaftspraxis der NSDAP-Kreisleitungen und die Zugehörigkeit zur „Volksgemeinschaft“, in: Detlef Schmiechen-Ackermann (Hrsg.),„Volksgemeinschaft“: Mythos, wirkungsmächtige soziale Verheißung oder soziale Realität im „Dritten Reich“? Propaganda uns Selbstmobilisierung im NS-Staat, Paderborn 2012, S. 211-225.

Förderung

Friedrich -Ebert-Stiftung | Niedersächsisches Forschungskolleg NS-„Volksgemeinschaft“