VERGANGENHEITSPOLITIK (2014-2016)

Die Universität Göttingen nach dem Nationalsozialismus.

Vergangenheitspolitische Kommunikation am Beispiel der Fächer Geschichte und Physik (1945–1965)

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Die Universität Göttingen wurde im Herbst 1945 als erste Hochschule aller Besatzungszonen wiedereröffnet. Das Universitätskollegium setzte sich in der Folge aus Wissenschaftlern zusammen, die das „Dritte Reich“ aus höchst unterschiedlichen Blickwinkeln erlebt hatten: aus etablierten Hochschullehrern, deren Karriere während der NS-Zeit nicht unterbrochen oder sogar gefördert worden war; aus Remigranten, die vor den Verfolgungsmaßnahmen des NS-Regimes geflüchtet und zurückgekehrt waren, und nicht zuletzt aus Wissenschaftlern, die vorher an den ideologisch besonders infiltrierten Universitäten in den Ostgebieten gewirkt hatten. Zudem blieben belastete und entlassene Personen oftmals vor Ort. Am Beispiel der Fächer Geschichte und Physik untersucht das hier vorgestellte geschichtswissenschaftliche Vorhaben die vergangenheitspolitische Kommunikation über die Zeit des „Dritten Reichs“, mit der sich die Georg-August-Universität seit 1945 national wie international positionierte. Anhand privater und administrativer Korrespondenzen, die insbesondere im Rahmen von Entnazifizierungs-, „Wiedergutmachungs“- und Berufungsverfahren angefallen sind, soll herausgearbeitet werden, wie die Universität mit der ideologischen Durchdringung ihrer Fächer, der nationalsozialistischen Personalpolitik und ihrem eigenen Beitrag zur Durchführung von NS-Gesetzen umgegangen ist und in welcher Form die zwölf Jahre des „Dritten Reichs“ das Selbstbild der Universität und ihres Personals nach 1945 tangiert hatten. Dabei wird die universitäre „Vergangenheitspolitik“ (N. Frei) erst unter der britischen Besatzungsmacht und dann während der frühen Bundesrepublik dargestellt, sie auf die NS-Zeit zurückbezogen und gleichzeitig mit einer doppelten Außenperspektive (Emigranten / britische Besatzung) versehen.
Die Fächer Geschichte und Physik dienen als Sonden in die Göttinger Vergangenheitspolitik. Beide Fächer fungierten während „Dritten Reichs“ als Legitimationswissenschaft, die Geschichtswissenschaft durch die Ideologisierung ihrer Forschungsthemen, die Physik durch ihren Beitrag zur Rüstungsforschung. Nach 1945 waren es renommierte Verfolgungsopfer und Emigranten wie die Physiker Max Born und James Franck, die ihre Kontakte zur Göttinger Universität reaktivierten. Zudem siedelten sich für beide Fächer Max-Planck-Institute mit weiteren vergangenheitspolitischen Akteuren an.
Das Forschungsprojekt will die semantischen Veränderungsprozesse, vor allem die Sagbarkeitsregeln analysieren, die sich im Kreise der jeweiligen Instituts- und Fachangehörigen vor Ort wie in der Kommunikation mit aus Göttingen emigrierten Wissenschaftlern entwickelten. Einbezogen wird ebenfalls die die für beide Fächer relevante und zugleich über sie hinausweisende vergangenheitspolitische Argumentation der Universitätsleitung – unter anderem gegenüber der niedersächsischen Landesregierung.

Das Forschungsprojekt wurde vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur und von Prof. Dr. Dirk Schumann und Prof. Dr. Petra Terhoeven begleitet.

Zusätzlich wurde ein Gerald D. Feldman-Stipendium der Max-Weber-Stiftung für die Archivrecherchen im Ausland eingeworben.

Veröffentlichungen

  • „An odd turn of fate“. James Franck Verbindungen zu Göttingen nach seiner Emigration, in: Terhoeven, Petra / Schumann, Dirk (Hg.): Die Universität Göttingen nach dem Nationalsozialismus. Vergangenheitspolitische Kommunikation (1945–1965), Göttingen [2021].
  • Gemischtes Doppel. Die Auseinandersetzung des Historikers Percy Ernst Schramm und seiner Frau Ehrengard mit dem Nationalsozialismus zwischen Schuld, Verdrängung und Verantwortung, in: Terhoeven, Petra / Schumann, Dirk (Hg.): Die Universität Göttingen nach dem Nationalsozialismus. Vergangenheitspolitische Kommunikation (1945–1965), Göttingen [2021].
  • „Schramm drüber. Percy Ernst Schramms vergangenheitspolitisches Engagement zwischen biographischer Ausblendung und politischer Aufklärung, in: Siebeneichner, Tilmann (Hg.), Selbstentwürfe. Neue Perspektiven auf die politische Kulturgeschichte des Selbst im 20. Jahrhundert, Göttingen [2020]. Tagungsbericht
  • Radikale Studenten, herausgeforderte Professoren, in: Norbert Frei (Hg.): Wie bürgerlich war der Nationalsozialismus? Reihe Jena Center. Geschichte des 20. Jahrhunderts. Vorträge und Kolloquien; Bd. 22, Göttingen 2018, S. 37-52.
  • Der lange Weg zur Briefmarke. Vergangenheitspolitische Ehrzuschreibungen an die emigrierten Physiker Max Born und James Franck, in: Dietmar von Reeken / Malte Thießen (Hg.): Ehrregime: Akteure, Netzwerke, Praktiken lokaler Ehrungen in der Moderne, Göttingen 2016, S. 115-135. | Rezension H-Soz-Kult
  • Universitäre Personalpolitik zwischen ideologischer Verfolgung und politischer Anpassung im Nationalsozialismus und ihre Auswirkungen in der Nachkriegszeit, in: Universitätsbund Göttingen e.V. (Hg.): »Ein Vorsprung der uns tief verpflichtet«. Die Wiedereröffnung der Universität Göttingen vor 70 Jahren, Göttingen 2016. (den zugrunde liegenden Vortrag findet man hier)